Zuschauer beobachten, wie glühende Lava aus dem Vulkanausbruch 2021 von Fagradalsfjall auf der isländischen Reykjanes-Halbinsel fließt, während leuchtende Lavariver den Nachthimmel mit feurigen Rot- und Orangetönen erhellen.

Vulkane

Reykjanes: Ein Riss zwischen zwei Welten

Die Reykjanes-Halbinsel im Südwesten Islands wirkt aus der Ferne ruhig. Sanfte Hügel ziehen sich zum Ozean hin. Kleine Fischerdörfer schmiegen sich an die Küste. Doch unter der Oberfläche ziehen zwei der großen Platten der Erde, die Nordamerikanische und die Eurasische, auseinander. Diese langsame Dehnung öffnet Risse in der Erdkruste und lässt geschmolzenes Gestein aus der Tiefe aufsteigen. Wenn es die Oberfläche erreicht, ergießt es sich in langen Lavaströmen, statt in hohen Aschewolken explosiv auszubrechen.

Fast 800 Jahre lang war dieser Teil Islands still. Doch dann, im Jahr 2021, brach der Boden erneut auf, und was folgte, war kein einzelner, isolierter Ausbruch, sondern eine Abfolge von Ereignissen, die bis 2025 andauert. Wissenschaftler glauben, dass dies der Beginn einer neuen aktiven Phase ist, die Jahrzehnte dauern könnte.

Warum Reykjanes in Schüben erwachte

Reykjanes liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken, einem riesigen unterseeischen Gebirgszug, der sich durch den Atlantischen Ozean zieht. Hier steigt Magma auf und bildet neue Erdkruste, während sich die Platten voneinander wegbewegen. Der größte Teil dieses Rückens liegt tief unter Wasser, doch in Island tritt er an die Oberfläche und schneidet direkt durch die Insel.

Ausbrüche in Island treten normalerweise in Schüben auf, die durch Jahrhunderte der Ruhe voneinander getrennt sind. Wenn ein Ausbruchszyklus beginnt, kann er sich über mehrere Jahrzehnte immer wiederholen. Diese Ereignisse werden „Spalteneruptionen“ genannt, weil sie sich meist als lange Risse öffnen, die sich manchmal über viele Kilometer erstrecken. Lavaströme können sich schnell bewegen, erzeugen aber in der Regel nur wenig explosive Asche.

Aerial view of a volcanic crater with glowing lava and cooling lava flows on Iceland’s Reykjanes Peninsula, surrounded by rugged volcanic terrain under a partly cloudy sky.

Eine Luftaufnahme eines aktiven Vulkankraters auf der Reykjanes-Halbinsel in Island, wo geschmolzene Lava aus dem Schlot sickert und sich durch die karge, geschwärzte Landschaft windet.


Eine neue Zeitleiste der Ausbrüche: 2021 bis 2025

Der aktuelle Zyklus begann im März 2021, nach Wochen von Erdbeben, die die Region erschütterten. Seitdem erlebte die Reykjanes-Halbinsel mehrere Ausbrüche, jeder mit seinem ganz eigenen Charakter. Hier ist ein klarer Überblick über die bisherigen Ausbrüche:

19. März–18. September 2021: Fagradalsfjall erwacht

Im März 2021, nach mehr als einem Monat anhaltender Erschütterungen, öffnete sich der erste Spalt im Geldingadalir-Tal, Teil des Vulkansystems Fagradalsfjall. Der Ausbruch begann langsam, mit Lava, die aus einem kleinen Schlot blubberte. Mit der Zeit bildeten sich hohe Kegel, und Lava breitete sich in nahegelegene Täler aus. Für Reykjanes war dieser Ausbruch ungewöhnlich lang und dauerte etwa sechs Monate. Er bot Wissenschaftlern einen seltenen, lang anhaltenden Einblick, wie sich Magma in diesem Abschnitt Islands bewegt.

Der Ausbruch war mild genug, um für Menschen oder Infrastruktur keine Gefahr darzustellen, und lockte Geologen sowie abenteuerlustige Wanderer an. Besucher konnten in sicherer Entfernung die glühenden Lavaströme beobachten und zusehen, wie sich der Talboden Tag für Tag verwandelte, bis der Ausbruch im September endete.

3.–22. August 2022: Meradalir bricht aus

Weniger als ein Jahr später begann ein weiterer Ausbruch, diesmal in Meradalir, östlich des Standorts von 2021. Dieses Ereignis dauerte etwa drei Wochen, nachdem sich der Spalt in einem öden Lavafeld geöffnet hatte, und Lava ergoss sich in das Meradalir-Tal. Lokale Wissenschaftler stellten fest, dass das Magma offenbar aus derselben tiefen Quelle wie der vorherige Ausbruch stammte, was darauf hindeutete, dass das System weiterhin unter Spannung stand.

Der Ausbruch war spektakulär, aber kurz und dauerte knapp drei Wochen. Seine intensiven Ströme und hohen Lavafontänen formten eine neue Landschaft.

10. Juli–5. August 2023: Litli-Hrúturs Feuer-Sommer

Bis 2023 war klar, dass die Aktivität noch nicht vorbei war. Im Juli öffnete sich ein Spalt nahe Litli-Hrútur, nördlich der früheren Ausbruchsorte. Der Ausbruch erzeugte hohe Lavafontänen und schnelle Lavaströme. Für Wissenschaftler war er ein weiteres Zeichen dafür, dass Magma neue Wege unter der Halbinsel fand. Für Besucher war er eine Erinnerung daran, dass sich die Lage rasch ändern kann, denn dieser Ausbruch begann mit wenig Vorwarnung und endete nach weniger als einem Monat.

Tausende Besucher nahmen die lange Wanderung auf sich, um das glühende Schauspiel mit eigenen Augen zu sehen. Für Geologen war Litli-Hrútur der Beweis, dass Ausbrüche in der Region schnell an Größe und Kraft gewinnen können.

Video: Lava verschlingt Häuser in der Stadt Grindavík


18.–21. Dezember 2023: Sundhnukagigar stößt aus

Ende 2023 deuteten Erdbebenschwärme und Bodenverformungen darauf hin, dass sich in der Nähe von Grindavík, einer kleinen Küstenstadt, etwas Bedeutendes zusammenbraute. Am 18. Dezember öffnete sich nördlich der Stadt ein Spalt, und Lavaströme bedrohten Straßen und Infrastruktur.

Es war der stärkste Ausbruch der vergangenen Jahre, mit Lavaströmen, die zehnmal kräftiger waren als bei früheren Ereignissen. Glücklicherweise floss das geschmolzene Gestein von der Stadt weg, nicht jedoch, bevor es 3,7 Quadratkilometer Land bedeckt hatte.

Aerial view of lava flow reaching the outskirts of Grindavík, Iceland, damaging multiple buildings after a volcanic eruption on the Reykjanes Peninsula.

Lava aus einem Ausbruch auf der Reykjanes-Halbinsel verschlingt den Rand von Grindavík, zerstört mehrere Häuser und hinterlässt eine markante schwarze Narbe in der isländischen Landschaft.

14.–15. Januar 2024: Der Hagafell-Ausbruch

Der Ausbruch von Sundhnukagigar im Dezember kam schon nach wenigen Tagen zum Stillstand, doch im Januar 2024 begann in derselben Gegend ein weiterer Spalteneruption. Diesmal erreichte Lava den Rand von Grindavík, beschädigte Häuser und zwang Menschen zur Evakuierung. Diese Ereignisse markierten eine gefährliche Wende, da die Ausbrüche nun näher an bewohnten Gebieten ausbrachen.

8.–10. Februar 2024: Sundhnukagigar schlägt erneut zu

Im Februar brach weiter nördlich bei Sundhnukagigar ein 3 Kilometer langer Spalt aus. Die Lava zerstörte eine Heißwasserleitung und kappte die Heizung für vier Tage in der kältesten Jahreszeit. Dieser Ausbruch fiel durch schwarzen Ascheauswurf und Dampf auf, ein wahrscheinliches Zeichen dafür, dass Grundwasser mit Magma in Kontakt gekommen war.

16. März–9. Mai 2024: Hagafell

Anfang 2024 war der Druck unter dem Sundhnúkur-System immer noch hoch. Im März öffnete sich in der Nähe von Hagafell ein Spalt. Lava breitete sich erneut in Richtung Grindavík aus, und Wissenschaftler arbeiteten gemeinsam mit den Einsatzkräften des Zivilschutzes daran, die Gasemissionen zu überwachen, die während dieses Ausbruchs hoch waren. Ende Mai hatte die Aktivität aufgehört, doch die Region blieb instabil.

29. Mai – 22. Juni 2024: Lavamassen im Frühsommer

Ende Mai brach Sundhnukagigar erneut aus, diesmal begann es mit einem 1 Kilometer langen Spalt, der sich auf 3,4 Kilometer ausdehnte. Lavafontänen erreichten eine Höhe von 50 Metern, und der Ausbruch hielt fast einen Monat lang an und zog eine weitere geschwärzte Schneise über die Halbinsel.

A river of glowing lava flows from an erupting volcanic crater on Iceland’s Reykjanes Peninsula, with smoke and steam rising into the overcast sky.

Geschmolzene Lavaströme ergießen sich aus einem aktiven Krater auf der Reykjanes-Halbinsel und schneiden einen feurigen Pfad durch die raue Vulkanlandschaft.

22. August – 5. September 2024: Der Ausbruch auf dem Militärübungsplatz

Der Ausbruch im August begann mit einem 4 Kilometer langen Spalt in einem Gebiet, das einst als militärischer Übungsplatz der Vereinigten Staaten genutzt wurde, was Sorgen wegen nicht explodierter Munition auslöste. Während die Lava zunächst rasch vorrückte, konnte sie ohne nennenswerte Schäden an der Infrastruktur eingedämmt werden. Der Ausbruch endete Anfang September.

20. November – 8. Dezember 2024: Der Überraschungsausbruch

Dieses Ereignis widersprach den Vorhersagen, denn ihm ging kein großer Erdbebenschwarm voraus; nur subtile Veränderungen der Druckwerte am Kraftwerk Svartsengi wurden festgestellt. Kurz vor Mitternacht am 20. November öffnete sich ein 3 Kilometer langer Spalt und setzte über zwei Wochen lang Lava frei.

1. April 2025: Der Aprilscherz-Ausbruch

Kurz, heftig und unerwartet dauerte dieser Ausbruch nur sieben Stunden. Sein Zeitpunkt verlieh ihm einen einprägsamen Spitznamen, doch seine Kürze änderte nichts an der Tatsache, dass Reykjanes weiterhin in einem hochaktiven Zustand war.

Aerial panoramic view of the 2023 Litli-Hrútur volcanic eruption in Iceland, showing molten lava fountains, glowing lava lakes, and flowing lava rivers cutting through the dark volcanic landscape.

Panoramische Luftaufnahme des Ausbruchs von Litli-Hrútur im Jahr 2023 in Island, wo feurige Lavafontänen und leuchtende Flüsse aus geschmolzenem Gestein die raue Landschaft der Reykjanes-Halbinsel verwandeln.

16. Juli–5. August 2025: Das Ereignis bei Litla Skógfell

Am 16. Juli 2025 begann im Gebiet Sundhnúkur ein weiterer Ausbruch, der erneut lange Lavaströme und starke Gasemissionen hervorbrachte, bis er am 5. August endete. Jedes dieser Ereignisse trug dazu bei, das wachsende Verständnis zu vertiefen, dass der Reykjanes-Zyklus nun vollständig aktiv ist.

Was uns die Ausbrüche auf Reykjanes zeigen

Beim Blick auf die Abfolge der Ausbrüche fallen Beobachtern mehrere Muster auf. Im Vergleich zu großen isländischen Eruptionen waren die Ausbrüche zwar relativ klein im Volumen, aber ihre Häufigkeit ist hoch. Das Magma scheint sich entlang miteinander verbundener Spaltsysteme zu bewegen und von Jahr zu Jahr den Ort zu wechseln. Manche Ausbrüche beginnen innerhalb von Stunden nach intensiven Erdbebenschwärmen, was kaum Vorwarnzeit lässt.

Für Wissenschaftler ist dies eine wertvolle Gelegenheit, zu beobachten, wie sich riftbedingte Ausbrüche in Echtzeit entwickeln. GPS- und Satellitendaten verfolgen, wie sich der Boden wölbt, wenn Magma nach oben drückt. Gassensoren zeigen Veränderungen der Emissionswerte vor und nach Ausbrüchen. Jedes Ereignis fügt dem Puzzle ein weiteres Teil hinzu.

Wie Reykjanes im Vergleich zu anderen Riftzonen abschneidet

Andere Riftzonen auf der Welt weisen einige Gemeinsamkeiten auf. Der Ostafrikanische Graben zum Beispiel erzeugt ebenfalls Spalteneruptionen, auch wenn seine Vulkansysteme über ein viel größeres Gebiet verteilt sind. Der Rote-Meer-Graben ist wie der Mittelatlantische Rücken größtenteils unter Wasser, hat aber an Land Ausbrüche an Orten wie Eritrea in Afrika hervorgebracht. Island ist einzigartig, weil der Rücken mitten durch eine bewohnte Insel verläuft und seine Rift-Eruptionen dadurch sichtbarer und für Menschen gefährlicher werden.

Ausbruchsorte besuchen und sicher bleiben

Auch wenn die Reykjanes-Ausbrüche viele Besucher angezogen haben, gehen sie mit echten Risiken einher. Frische Lavafelder bleiben monatelang heiß. Gasemissionen, insbesondere Schwefeldioxid, können gefährliche Werte erreichen, sogar weit entfernt vom Schlot. Risse im Boden können sich ohne Vorwarnung öffnen. Und Ausbrüche können schnell beginnen, nachdem sich nur kurz Unruhe gezeigt hat.

Der isländische Zivilschutz und das Isländische Meteorologische Amt veröffentlichen aktuelle Informationen zu Aktivität, Gefahren und Zugangsbeschränkungen. Besucher sollten diese Hinweise genau befolgen. Selbst aus sicherer Entfernung kann der Anblick beeindruckend sein; man muss nicht nahe an die Schlote heran, um die Kraft der Ausbrüche zu erleben.

Reykjanes-Halbinsel: Der Blick nach vorn

Die Ausbrüche von 2021 bis 2025 sind mit ziemlicher Sicherheit nicht das Ende der Geschichte. Wenn frühere Zyklen ein Hinweis sind, könnte die Reykjanes-Halbinsel noch jahrzehntelang Ausbrüche erleben. Diese könnten in denselben Gebieten wie die jüngsten Ereignisse stattfinden oder sich zu anderen Vulkansystemen entlang der Halbinsel verlagern. Für Wissenschaftler ist das eine seltene Gelegenheit, den Beginn eines Riftzyklus in Echtzeit zu beobachten. Für Isländer ist es eine Erinnerung an die unruhigen Grundlagen ihrer Insel. Die Reykjanes-Halbinsel, zwischen zwei Welten gelegen, wird wahrscheinlich noch viele Jahre lang Geschichte schreiben.

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