
Podcast
Lava Academy Podcast: Der schlafende Riese unter dem Eis: Öræfajökull
Helga Torfadóttir ist Doktorandin in Vulkanologie und Petrologie und erforscht einen der mächtigsten und am meisten übersehenen Vulkane Islands: den Öræfajökull.
Schon von klein auf von den Naturwissenschaften begeistert, entdeckte Helga in der Highschool ihre Liebe zur Geologie. Was als Neugierde auf die Natur begann, wurde bald zur Leidenschaft, Vulkane von Grund auf zu verstehen. Helga ist auch in der Wissenschaftsvermittlung aktiv; du kannst ihrem Instagram-Kanal Geology With Helga folgen.
Ihr aktueller Fokus? Die Erforschung der explosiven Geschichte und des Innenlebens des Öræfajökull, Islands höchstem Gipfel und einem der gefährlichsten Vulkansysteme des Landes.
Schau dir die Podcast-Episode an
Was ist der Öræfajökull?
Der Öræfajökull ist ein gletscherbedeckter Vulkan im Südosten Islands, der unter einem Teil des Vatnajökull liegt, dem größten Gletscher Europas.
Im Gegensatz zu bekannteren isländischen Vulkanen wie der Katla, der Hekla oder dem Eyjafjallajökull bricht der Öræfajökull nicht oft aus. In historischer Zeit ist er nur zweimal ausgebrochen:
1362
1727
Diese lange Stille ist mitschuldig daran, dass er so leicht übersehen wird. Aber laut Helga ist das auch einer der Gründe, warum er viel mehr Aufmerksamkeit verdient.
Islands am meisten übersehener Riese
Der Öræfajökull liegt nicht in Islands aktiver Hauptbruchzone, in der die meisten Erdbeben und Ausbrüche des Landes stattfinden. Er befindet sich etwas abseits, was ihn ruhiger, weniger auffällig und schwieriger zu überwachen macht.
Aber ruhig bedeutet keineswegs harmlos.
Helga beschreibt den Öræfajökull als „still und heimtückisch“. Er ist ein Vulkan mit einer dramatischen Vergangenheit, einer komplexen Struktur und einer Eiskappe obendrauf – was es besonders knifflig macht, zukünftige Aktivitäten vorherzusagen.
Der Ausbruch des Öræfajökull im Jahr 1362
Der Ausbruch von 1362 war einer der katastrophalsten Vulkanausbrüche in der Geschichte Islands.
Vor dem Ausbruch war die Region als grüne, friedliche landwirtschaftliche Gegend bekannt. Helga vergleicht sie mit dem „Auenland“ – üppig, besiedelt und voller Leben.
Und dann brach der Vulkan aus.
Die Eruption war so verheerend, dass die Region für Jahrzehnte zu einer Einöde wurde. Sie veränderte sogar den Namen des Gebiets und des Vulkans. Vor dem Ausbruch war der Öræfajökull als Knappafellsjökull bekannt. Danach wurde die umliegende Region mit dem Wort Öræfi assoziiert, was übersetzt „Einöde“ oder „zerstörtes Land“ bedeutet.
Eine völlig veränderte Landschaft
Der Ausbruch hat die Region von Grund auf umgestaltet.
Zu den schwerwiegenden Auswirkungen gehörten:
Ascheregen, der das Land begrub
Gletscherläufe, die aus dem Eis herabstürzten
Pyroklastische Dichteströme, die den Vulkan hinabfegten
Feine Asche in der Luft
Völlig unbrauchbar gewordenes Ackerland
Helga erklärt, dass die Gegend nach dem Ausbruch wie eine bleiche, staubige Wüste ausgesehen haben muss. Statt der für Island typischen schwarzen Lavasande war die Landschaft von einer Schicht aus heller Asche und Tephra bedeckt.
Für 40 bis 50 Jahre war das Gebiet im Grunde unbewohnbar.
Warum war dieser Ausbruch so gefährlich?
Der Ausbruch von 1362 war kein sanfter Lavafluss, wie wir ihn von den jüngsten Eruptionen auf der Reykjanes-Halbinsel kennen.
Es war eine hochexplosive Eruption.
Dieser Unterschied liegt vor allem an der Chemie des Magmas. Island ist berühmt für basaltische Lava – heiß, dünnflüssig und oft in fließenden Lavaströmen zu sehen. Der Öræfajökull kann jedoch siliziumdioxidreicheres Magma produzieren, das dicker, zähflüssiger und hochexplosiv ist.
Anstatt als Lava sanft auszufließen, zersplitterte das Magma im Jahr 1362 gewaltig in Asche.
Die Eruptionssäule reichte vermutlich rund 30 km hoch in die Atmosphäre – ein gigantisches Ausmaß, selbst im weltweiten Vergleich.
Was ist Tephra?
Als Tephra bezeichnet man alles vulkanische Material, das während eines Ausbruchs in die Luft geschleudert wird.
Dazu gehören zum Beispiel:
Feine Asche
Kleine vulkanische Bruchstücke
Bimsstein
Größere Gesteinsbrocken
Für Forschende wie Helga ist Tephra wie ein Geschichtsbuch des Ausbruchs. Indem sie sich durch die Schichten vulkanischer Ablagerungen graben, können sie den genauen Ablauf der Ereignisse rekonstruieren.
Im Fall des Öræfajökull helfen die Tephraschichten zu entschlüsseln, wie sich der Ausbruch von 1362 entwickelte, welche Materialien freigesetzt wurden und wie die Eruption die umliegende Landschaft prägte.
Die Gefahr durch pyroklastische Dichteströme
Eine der größten Gefahren, die im Podcast besprochen werden, sind pyroklastische Dichteströme (oft als PDC abgekürzt).
Ein solcher Strom entsteht, wenn eine Eruptionssäule in sich zusammenbricht und eine rasend schnelle, extrem heiße Wolke aus Gas, Asche und vulkanischem Material die Flanken des Vulkans hinabjagt.
Helga beschreibt sie als eine Naturgewalt, die einfach alles auslöscht, was sich ihr in den Weg stellt.
Das ist deshalb so wichtig, weil Wissenschaftler heute vermuten, dass beim Ausbruch von 1362 pyroklastische Dichteströme zu den allerersten großen Gefahren gehörten – noch vor den verheerenden Gletscherschmelzen.
Diese Erkenntnis verändert die Art und Weise, wie wir über Evakuierungen und zukünftige vulkanische Risiken nachdenken müssen.
Gletscherläufe: Wenn Eis auf Feuer trifft
Da der Öræfajökull von Eis bedeckt ist, können Ausbrüche auch sogenannte Jökulhlaups (Gletscherläufe oder gigantische Flutwellen) auslösen.
Diese Fluten entstehen, wenn die vulkanische Hitze das Gletschereis schmilzt und riesige Wassermengen freisetzt, die das Gebirge hinabstürzen.
In Island ist dies eine vertraute vulkanische Gefahr, da viele der größten Vulkane des Landes unter Gletschern liegen.
Beim Öræfajökull sorgt diese Kombination aus Vulkan und Eis für ein doppeltes Risiko: Ein zukünftiger Ausbruch könnte sowohl hochexplosive vulkanische Aktivitäten als auch gewaltige Flutkatastrophen mit sich bringen.
Der Ausbruch von 1727
Der Öræfajökull brach im Jahr 1727 erneut aus, doch dieses Ereignis unterschied sich deutlich von dem im Jahr 1362.
Es war kleiner und spielte sich eher an der Flanke des Vulkans ab. Es kam zwar immer noch zu Gletscherschmelzen und Fluten, aber der Ausbruch erreichte bei weitem nicht das Ausmaß oder die Explosivität von 1362.
Für Helga ist der Vergleich dieser beiden Ausbrüche enorm wichtig, da jeder einzelne neue Details über das Verhalten des Vulkans verrät.
Wie erforscht die Wissenschaft den Öræfajökull heute?
Helgas Forschung geht in die Tiefe – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Sie beschäftigt sich mit experimenteller Petrologie, was bedeutet, dass sie vulkanische Bedingungen im Labor nachstellt. Mithilfe winziger Goldkapseln schmilzt sie vulkanisches Material unter kontrollierten Bedingungen wie Druck, Temperatur, Wasser- und Kohlendioxidgehalt.
Einfach ausgedrückt: Sie erschafft Miniaturversionen möglicher Öræfajökull-Magmen.
Das hilft ihr zu verstehen:
Was sich tief unter dem Vulkan abspielt
In welcher Tiefe das Magma gespeichert sein könnte
Welche Arten von Ausbrüchen möglich sind
Wie verschiedene Gase das Verhalten des Magmas beeinflussen
Welche Ausbruchsszenarien am wahrscheinlichsten sind
Es ist eine detailreiche und hochtechnische Arbeit, aber das Ziel ist absolut praxisnah: besser einzuschätzen, was der Öræfajökull in Zukunft tun könnte.
Warum ist der Öræfajökull so schwer zu überwachen?
Die Überwachung des Öræfajökull bringt einige Herausforderungen mit sich.
Der Vulkan ist extrem steil
Er ist von dickem Gletschereis bedeckt
Er liegt abseits der isländischen Hauptbruchzone
Seismische Messgeräte lassen sich nur schwer installieren
Satellitenmessungen sind auf steilem, eisigem Gelände ungleich komplizierter
Auf flacherem Boden können Forschende leichter feststellen, ob sich der Boden hebt, wenn sich Magma unter der Oberfläche bewegt. Doch am Öræfajökull erschweren der Gletscher und die steile Bergform das Deuten dieser Signale.
Genau deshalb ist die Forschung von Wissenschaftlerinnen wie Helga so unschätzbar wertvoll.
Wacht der Öræfajökull auf?
In den Jahren 2016–2017 beobachteten Fachleute ungewöhnliche Aktivitäten am Öræfajökull. Es bildete sich eine Senke (eine sogenannte Eisbecherstruktur) auf der Gletscheroberfläche, die wahrscheinlich durch Wärme von unten verursacht wurde.
Das führte damals zwar nicht zu einem Ausbruch, zeigte aber deutlich, dass sich unter dem Eis etwas regt.
Helga warnt davor, Panik zu verbreiten. Ein zukünftiger Ausbruch könnte noch Jahrzehnte – oder länger – auf sich warten lassen. Aber der Vulkan hat gezeigt, dass er unruhig werden kann, und diese Zeichen richtig zu deuten, ist überlebenswichtig.
Könnte er wieder ausbrechen?
Ja.
Das bedeutet aber nicht, dass ein Ausbruch unmittelbar bevorsteht.
Der Öræfajökull ist in der Vergangenheit ausgebrochen und wird es irgendwann wieder tun. Die entscheidenden Fragen sind: wann, wie und welche Art von Ausbruch es sein wird.
Ein zukünftiger Ausbruch könnte kleiner ausfallen, ähnlich wie 1727.
Oder er könnte hochexplosiv sein, wie 1362.
Genau wegen dieser Ungewissheit untersuchen Forschende vergangene Ausbrüche, die Chemie des Magmas, Tephra-Ablagerungen und erste Warnzeichen.
Warum das heute so wichtig ist
Ein großer, explosiver Ausbruch des Öræfajökull in der heutigen Zeit hätte nicht nur lokale Folgen.
Er könnte Auswirkungen haben auf:
Straßen und Infrastruktur im Südosten Islands
Umliegende Gemeinden und landwirtschaftliche Betriebe
Den Tourismus rund um den Vatnajökull und die Ringstraße
Den Flugverkehr
Die Luftqualität
Die Notfall- und Katastrophenplanung
Der Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010 legte mit einer viel kleineren Aschewolke den Flugverkehr in ganz Europa lahm. Der Öræfajökull hat das Potenzial, etwas weitaus Größeres zu erzeugen.
Sich mit diesem Vulkan zu beschäftigen, hat nichts mit Angstmacherei zu tun. Es geht um eine gute Vorbereitung.
Ein abschließender Gedanke: Respekt vor einem schlafenden Riesen
Der Öræfajökull ist einer der schönsten Berge Islands. Gleichzeitig ist er einer seiner gewaltigsten Vulkane.
Für Helga bringt seine Erforschung sowohl wissenschaftliche Faszination als auch tiefen Respekt mit sich. Wenn man vor diesem gletscherbedeckten Gipfel steht, spürt man unweigerlich den Kontrast: absolut friedlich an der Oberfläche, hochkomplex und kraftvoll in der Tiefe.
Genau das macht diese Podcast-Folge so spannend.
Es ist eine Geschichte über verborgene Gefahren, vergessene Geschichte, modernste Wissenschaft und die Menschen, die daran arbeiten, Islands vulkanische Zukunft zu entschlüsseln.
Höre dir die ganze Folge über den Öræfajökull an
Du möchtest das ganze Gespräch hören?
🎧 Schalte ein beim Lava Academy Podcast und entdecke die Wissenschaft, die Geschichten und die Menschen hinter Islands Vulkanen.
Hör jetzt rein und lade dir die Folge auf deiner liebsten Podcast-App herunter.
Erfahre mehr über Begriffe aus der Geologie und Vulkanologie
Der ultimative Guide zu Islands Vulkanen: Was jeder Vulkan-Fan wissen sollte
Lava Academy Glossar: Wichtige Begriffe aus Geologie und Vulkanologie
Lava Academy Glossar: Begriffe aus Geologie und Vulkanologie, Teil 2
Erlebe echte, geschmolzene Lava
Der Öræfajökull ist einer der mächtigsten und geheimnisvollsten Vulkane Islands. Er ruht still unter einem riesigen Gletscher und erinnert uns daran, dass vulkanische Landschaften sich ständig verändern. Nachdem du diese Folge des Lava Academy Podcasts gehört hast, kannst du die Wissenschaft bei der Lava Show hautnah erleben. Beobachte, wie echte, geschmolzene Lava in einer sicheren und kontrollierten Umgebung nur wenige Meter von dir entfernt fließt, und spüre die Hitze, Bewegung und unbändige Kraft des flüssigen Gesteins, das unter Islands Oberfläche schlummert.
Plane deinen Besuch:
Erlebe die Lava Show Reykjavík – Sieh echte, geschmolzene Lava direkt in Islands Hauptstadt fließen.
Erlebe die Lava Show Vík – Erlebe die weltweit einzige Live-Lavashow an Islands spektakulärer Südküste.









