
Vulkane
Surtsey: Die Entstehung einer Insel und ein lebendiges Labor
Entdecken Sie die Entstehung von Surtsey, einer 1963 geborenen Vulkaninsel und einem der weltweit bedeutendsten natürlichen Laboratorien.
Im November 1963 tat der Nordatlantik etwas so Seltenes, dass es fast wie ein Mythos wirkte: Er erschuf vor den Augen der Menschheit neues Land. Direkt vor der Südküste Islands begann der Ozean zu kochen, Dampf stieg in gewaltigen Schüben auf, und innerhalb weniger Tage durchbrach eine schwarze Vulkaninsel die Wasseroberfläche. Das war Surtsey – ein Ort, an dem die inneren Kräfte der Erde in Echtzeit sichtbar, greifbar und messbar wurden, wo zuvor absolut nichts existiert hatte.
Im Gegensatz zu den meisten Vulkanlandschaften, die wir erst lange nach ihrer Entstehung erben, durften wir bei Surtsey von Geburt an Zeuge sein. Wissenschaftler (und Einheimische) sahen der Insel beim Wachsen, Stabilisieren und Erodieren zu – und wie sie sich schließlich in etwas noch Bemerkenswerteres verwandelte: in eines der am strengsten geschützten Freilandlaboratorien der Erde.
Schnelle Fakten über den Surtsey-Ausbruch
Ausbruchszeitraum: 1963–1967
Lage: Vor der Südküste Islands, im Vestmannaeyjar-Archipel
Vulkansystem: Vestmannaeyjar-Vulkansystem, der südliche Ausläufer des Östlichen Vulkansystems
Vulkantyp: Embryonaler Zentralvulkan mit einer dazugehörigen, weniger entwickelten Spaltenzone
Eruptionstyp: Phreatomagmatisch-explosiv (Surtseyanisch, 10 km hohe Rauchsäule), der in eine effusive Phase überging
Inselfläche (Lava): ~1,3 km² (anfänglich größer, durch Erosion geschrumpft)
Lava- & Tephra-Volumen: ~1 km³ (gesamtes ausgeworfenes Material)
Lavatyp: Basaltisch
Gasemissionen: Hauptsächlich Wasserdampf, CO₂, SO₂ – typisch für basaltische Eruptionen
Bedeutung: Entstehung einer neuen Insel in Echtzeit beobachtet; langfristiges ökologisches und geologisches Forschungsgebiet

Ein Filmteam nähert sich in den 1960er Jahren der ausbrechenden Insel Surtsey. (Foto von IMO und Sigurgeir Jónasson)
Eine gewaltige Geburt aus dem Meer
Surtseys Geschichte beginnt tief unter dem Meeresboden, wo Magma aus dem Erdmantel aufstieg und mit Meerwasser in Kontakt kam. Nach seismischen Messungen zu urteilen, brodelte der Vulkan wahrscheinlich schon mindestens eine Woche lang im Verborgenen, bevor die Eruption die Wasseroberfläche durchbrach. Dieses Zusammenspiel von Wasser und Magma löste eine hochexplosive Eruptionsform aus, die man heute – absolut passend – als „Surtseyanische Eruption“ bezeichnet.
Wenn Magma auf Wasser trifft, ist die Reaktion oft dramatisch explosiv. Extrem erhitzter Dampf dehnt sich schlagartig aus, zertrümmert das Magma in feinste Asche und schleudert es in dichten, dunklen Wolken gen Himmel. Frühe Aufnahmen von Surtsey zeigen gigantische Asche- und Dampfsäulen, die von vulkanischen Blitzen durchzuckt wurden.
Über Wochen und Monate hinweg türmten diese Explosionen einen Tephrakegel auf, der schließlich aus dem Meer ragte und die ersten Konturen über Wasser bildete. Als sich die Vulkanschlote durch das Wachstum der Insel immer weiter vom Meerwasser abschotteten, ging die Aktivität in ruhigere, effusive Lavaflüsse über.
Diese dünnflüssigen Basaltlaven flossen über die neue Insel und erstarrten im Kontakt mit dem kalten Wasser zu besonders widerstandsfähigem Gestein. (Diesen Prozess, bei dem Basalt durch die Aufnahme von Wasser bei niedrigen Temperaturen verändert wird, nennt man Palagonitisierung.) Er verlieh der Insel eine Art Schutzpanzer, sodass sie den Wellen trotzen konnte – im Gegensatz zu vielen anderen vulkanischen Inseln, die schnell wieder versinken.
Geologisch gesehen ist Surtsey ein Paradebeispiel dafür, wie die Umgebung das Verhalten eines Vulkans steuert. Dasselbe Magma sorgte sowohl für explosive Ausbrüche als auch für sanfte Lavaströme. Allein die Anwesenheit von Wasser veränderte den Charakter des Vulkans komplett. Es gibt kaum einen Ort auf der Erde, der diesen Übergang so eindrucksvoll zeigt.
Vom kahlen Felsen zum wissenschaftlichen Juwel
Fast im selben Moment, als Surtsey aus den Fluten auftauchte, war klar, dass diese Insel geschützt werden muss. Und zwar nicht vor den Naturgewalten, sondern vor uns Menschen.
Noch während des Ausbruchs im Jahr 1965 sperrten die Behörden den Zugang zur Insel. Das Ziel war so einfach wie faszinierend: Die Natur sollte sich völlig ungestört und ohne menschlichen Einfluss entwickeln dürfen. Keine angepflanzten Samen, keine ausgesetzten Tiere, keine unnötigen Fußspuren. Die Wissenschaft sollte dieses lebendige Experiment lediglich beobachten, aber niemals verändern.
Diese Entscheidung machte Surtsey zu einem der wertvollsten ökologischen Forschungsgebiete der Welt. Über Jahrzehnte hinweg dokumentierten Forscher die schrittweise Besiedlung: Erst kamen Mikroben und Pilze, dann Moose und Flechten, gefolgt von Insekten, Vögeln und schließlich immer komplexeren Pflanzengemeinschaften.
Seevögel spielten dabei eine Schlüsselrolle. Indem sie auf der Insel nisteten, brachten sie Nährstoffe ins Landesinnere, kurbelten die Bodenbildung an und machten es Pflanzen erst möglich, Wurzeln zu schlagen. Was als steriles Vulkangestein begann, entwickelte sich langsam zu einem lebendigen Ökosystem.
Diese einzigartige Bedeutung wurde 2008 gewürdigt, als Surtsey von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Bis heute bleibt der Zugang strengstens auf wenige, autorisierte Forscher beschränkt. So bleibt die Insel ein unberührter Referenzort für die Erforschung der Evolution und des ökologischen Wachstums.

Surtsey heute: So sieht die Insel jetzt aus – mit ihrem markanten Vulkankrater, der erstarrten Lavazunge und den ersten grünen Moosen und Pflanzen. (Foto von RÚV und Magnús Atli Magnússon)
Wie geht es weiter? Zukünftige vulkanische Aktivität und Aussichten
Aus geologischer Sicht bedeutet Surtseys spektakuläre Geburt nicht zwangsläufig, dass ihr eine ebenso dramatische Zukunft bevorsteht. Der Ausbruch zwischen 1963 und 1967 war wahrscheinlich das Ergebnis einer lokalen Magmaintruison entlang des Vestmannaeyjar-Vulkansystems. Diese Systeme sind zwar nach wie vor aktiv, aber das bedeutet nicht, dass Surtsey selbst bald wieder ausbrechen wird (hier erfahren Sie mehr darüber, was „überfällig“ in der Geologie eigentlich bedeutet).
Tatsächlich neigen Eruptionen in Systemen wie den Vestmannaeyjar dazu, entlang von Spalten zu wandern, anstatt immer wieder am exakt selben Ort auszubrechen. Der Ausbruch auf der Nachbarinsel Heimaey im Jahr 1973 – nur zehn Jahre nach Surtseys Entstehung – ist das beste Beispiel dafür. Das Magma suchte sich einen neuen Weg und zeigte uns, dass das System zwar aktiv, sein Verhalten aber räumlich unberechenbar ist.
Betrachtet man das große Ganze, gehört Islands östliche Vulkanzone zu den aktivsten Regionen der Erde. Hier erhebt sich der Mittelatlantische Rücken über den Meeresspiegel und trifft auf eine tiefe Mantel-Plume (einen Hotspot). Kontinuierlich wird Magma erzeugt und durch die Erdkruste transportiert, was Vulkansysteme von der Katla über die Grímsvötn bis hin zu den Vestmannaeyjar-Inseln speist.
Könnte Surtsey also wieder ausbrechen? Es ist möglich, aber nicht so, wie die meisten es sich vorstellen. Ein zukünftiger Ausbruch würde sich sehr wahrscheinlich eher in der Nähe entlang der Spaltenlinie ereignen als direkt unter der bestehenden Insel. Über lange Zeiträume hinweg könnten so neue Inseln entstehen, während die älteren – wie Surtsey – langsam erodieren und grüner werden.
Phreatomagmatische Eruptionen gehören einfach zu Island dazu. Überall dort, wo Magma auf Wasser trifft (sei es Meerwasser, Grundwasser oder Gletschereis), kann es zu explosiven Ausbrüchen kommen. Für die Bevölkerung besteht jedoch in der Regel keine Gefahr. Diese Ausbrüche sind meist lokal begrenzt und werden vom Isländischen Meteorologischen Amt (IMO) durch Echtzeit-Überwachung von Erdbeben, Bodenverformungen und Gasen genauestens beobachtet.
Häufig gestellte Fragen zu Surtsey
Kann man Surtsey besuchen?
Nein. Der Zugang ist strengstens auf autorisierte Wissenschaftler beschränkt, um das unberührte Ökosystem zu schützen.
Wächst die Insel noch?
Warum ist sie nicht wie andere Vulkaninseln im Meer versunken?
Spätere Lavaströme haben die Insel widerstandsfähig gemacht, indem sie den weichen Basaltschutt in harten Palagonit verwandelten und so vor der Abtragung durch die Wellen schützten.
Welches Leben siedelte sich zuerst an?
Antwort: Mikroorganismen und Pilze, die vom Wind herangetragen wurden, machten den Anfang, gefolgt von ersten Pflanzen und Seevögeln.
Woher hat Surtsey ihren Namen?
Die Insel ist nach Surtr benannt, dem Feuerriesen aus der nordischen Mythologie.
Ein abschließendes Wort zu Surtsey
Surtsey ist für uns heute viel mehr als nur eine Vulkaninsel. Sie ist ein historischer Moment der Erdgeschichte, den wir glücklicherweise von der allerersten Sekunde an miterleben und vorausschauend schützen und erforschen durften. Ihre explosive Geburt zeigte uns die pure Dynamik vulkanischer Schöpfung, während ihre strenge Abriegelung es der Wissenschaft ermöglicht, den faszinierenden, langsamen Einzug des Lebens an einem zuvor völlig sterilen Ort zu erforschen.
Kaum ein anderer Ort fängt die Urgewalt der Planetenentstehung und die sanfte, beharrliche Kraft des Lebens so schön ein wie Surtsey. Sie erinnert uns daran, dass selbst in einer Welt, die wir zu kennen glauben, immer noch völlig neue Landschaften (und neue Geschichten!) aus den Tiefen des Ozeans emporsteigen können.
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Erfahren Sie mehr über den Surtsey-Ausbruch
Forschung rund um Surtsey, ihre Geologie und innere Struktur
Beispiel für laufende geologische Forschung auf Surtsey durch die Lawrence Berkeley National Labs
Neuigkeiten zum 60. Jahrestag von Surtsey und der dazugehörigen Dokumentation
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Dieser Artikel wurde von der Geologin Jessica Poteet verfasst. Hören Sie auch das Interview mit ihr im Lava Academy Podcast.









